Digitales Spionieren in Beziehungen – Das sagen Experten

Der technische Fortschritt macht auch vor Beziehungen nicht halt: Was früher Liebesbriefe oder heimlich zugesteckte Nachrichten waren, sind heute SMS, Messenger und E-Mails. Das bringt nicht nur neue Möglichkeiten, sondern auch neue Probleme mit sich: Oft ist es gar nicht so einfach, mit dem Partner oder der Partnerin die richtige Balance zwischen der eigenen Privatsphäre und dem ausreichenden Vertrauensbeweis gegenüber dem anderen zu finden. WEB.DE hat mit zwei Experten über die Tücken der digitalen Privatsphäre in Beziehungen gesprochen.

10. November 2016 von Janina Bokoloh

Digitales Spionieren stellt eine Beziehung auf eine harte Probe. (c) Shutterstock

Diplom-Psychologe Dirk Baumeier kennt als Paartherapeut die Probleme vieler Paare gut: „Die Wahrung der digitalen Privatsphäre beschreibt ein Problem, unter dem frühere Generationen nicht litten. Dennoch verändern sich mit dem technischen Fortschritt auch unsere Denkmuster“, sagt der Experte. „Wir streben in der heutigen Zeit immer mehr nach Individualität, was sich auch in unseren Beziehungen zeigt“, sagt Baumeier. Genau deshalb werde es auch immer wichtiger „einen persönlichen Kreis abzustecken, den auch der Partner nicht ohne Ahndung betreten darf.“ Es spreche generell nichts dagegen, seinem Partner oder seiner Partnerin mitzuteilen, wie man mit der eigenen Privatsphäre umgehen möchte, sagt Baumeier. Dabei könnten die persönlichen Grenzen stark variieren. Denn eine moderne Beziehung lebe davon, dass die partnerschaftlichen Regeln immer wieder neu ausgehandelt würden.

Regeln werden aber bekanntlich nicht immer eingehalten: Wenn Eifersucht oder ein konkreter Verdacht auf Untreue entsteht, ist es gar nicht so leicht, der Versuchung zu widerstehen, nicht doch schnell einen Blick in das Smartphone des anderen zu werfen. Dabei könne ein plötzlich verändertes Verhalten des Partners oder der Partnerin digitales Spionieren sogar anregen, erklärt Yvonne Keßel. Die Diplom-Psychologin hat in der Praxis bereits viel Erfahrung mit Paar- und Beziehungsproblemen gesammelt und weiß, welche Folgen beispielsweise das plötzliche Verstecken des Smartphones haben kann: „Lässt der Partner das Smartphone plötzlich nicht mehr offen liegen, hat es aber vorher getan, regt das zu digitalem Spionieren an.“ Und das belastet eine Beziehung immens, sagt Keßel: „Wenn eine Person PINs oder Passwörter regelmäßig wechselt, um dem Partner keinen Zugriff zu gewähren, so ist dies natürlich auch Zeichen eines gestörten Vertrauensverhältnisses.“

Ist das Vertrauen erst einmal geschwächt, zerbrechen viele Beziehungen daran. Die Belastung durch das heimliche Lesen von Nachrichten oder Ausspionieren des Handys reiche für eine Trennung aber meistens nicht aus, erklärt Keßel weiter. „Es belastet Beziehungen aber sehr, da das Vertrauen dadurch nachhaltig gestört wird.“ Aber ist Vertrauen in einer Beziehung wirklich essenziell? Baumeier stellt dazu die These auf, liebevolle Partnerschaften könnten auch ohne Vertrauen geführt werden: „Wir müssen uns vielleicht von der Vorstellung lösen, dass das Vertrauen der Angelpunkt der Beziehung ist. Beziehungen zwischen Staaten, Wirtschaftsunternehmen und Familien besitzen oft ein unterschwelliges wechselseitiges Misstrauen, funktionieren aber trotzdem über Jahrzehnte gut. Warum soll das nicht auch in unseren Partnerschaften funktionieren?“

Grundlage der Experteneinschätzungen ist eine Umfrage, in der WEB.DE Menschen zu ihrer Einstellung zur digitalen Privatsphäre in Beziehungen befragt hat. Die Ergebnisse im Einzelnen gibt es hier.

Kategorie: Sonstiges

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